Alte Schriften – Kapitel 3



Der Studienfreund – Teil 1
 

James goss sich einen weiteren Becher Kaffee ein, ehe er nervös zu dem Ding, inmitten des verknitterten Packpapiers, sah.

Seit dem Treffen mit William war James nervlich angespannt, sodass er kaum noch Schlaf bekam. Er verließ die Wohnung nur noch im Notfall und ertappte sich immer häufiger dabei, wie er unruhig über die Schulter sah, aus Angst, jemand – oder etwas – könnte plötzlich hinter ihm stehen.

James hatte dies schon einmal durchgemacht; und so sehr er auch versucht hatte es zu verdrängen, seine Gedanken führten ihn wieder zurück zu dem was mittlerweile 8 Jahren hinter ihm lag.

Die Wanduhr tickte leise und der muffige Geruch von Büchern lag in der Luft.

James saß in der Universitätsbibliothek und war dabei seine Unterlagen und Abschriften zu sortieren, als einer seiner Kommilitonen auf ihn zu kam.

»… James Brown?« Vor ihm stand ein junger Mann mit fragendem Blick.

James stutzte, »… ja? Wie kann ich helfen?«

»Ich habe gehört du fertigst Übersetzungen an«, seine Stimme war förmlich.

Es war schon spät und außer ihnen befanden sich nur noch vereinzelte Studenten in der Bibliothek.

»Von was genau reden wir …?«

Sein gegenüber antwortete nicht, sondern holte stattdessen ein Buch hervor das keinerlei Prägung besaß. James sah ihn abwartend an.

»Wir benötigen einige Passagen aus diesem Buch …«

»… darf ich?«, er streckte die Hand aus.

James schlug das Buch an der Stelle auf, an dem ein Stück Stoff als Lesezeichen steckte. Die Seiten waren mit sonderbaren Symbolen beschrieben – Symbolen, die ihm durchaus bekannt waren und die ihm deutlich machten, um welche Art von Text es hier ging.

Er zögerte. »… dir … ist schon klar um was es sich hier handelt?«

Der Fremde nickte.

»Du sagtest, „Wir …“«, stellte James fest, eher er die anschließende Frage formulierte, »… für wen darf ich diese Übersetzung also anfertigen?«

»… Geoffrey.«

Sie sahen sich an und eine Weile herrschte schweigen.

»Also gut, Geoffrey, du weißt sicher auch, das ich derartige Schriften nicht umsonst übersetze.«

Er nickte abermals, während er dezent in Richtung Buch zeigte. »Zwischen den letzten Seiten …«

James verdiente sich während des Studiums etwas Geld mit dem Übersetzen alter Texte. Normalerweise waren seine Kunden um einiges älter und exzentrischer, als es dieser Junge war.

Durch die Seiten blätternd, fand James einen weißen Umschlag mit einer Telefonnummer darauf. Wer auch immer diesem Studenten seinen Namen gegeben hatte, hat keine Information ausgelassen.

Er schlug das Buch vorsichtig wieder zu, »Ich melde mich, wenn ich soweit bin.«

 

Die nachfolgenden Tage verbrachte James damit, den Worten, so eigentümlich sie auch waren, eine sinngemäße Bedeutung zu zuordnen.

Die Passagen, die er übersetzen sollte, beschrieben ein Vorgehen, durch das es möglich wäre etwas zu sehen, das dem gewöhnlichen Betrachter verborgen bleibt.

 

Als er, mit dem Buch in der Tasche, zu dem vereinbarten Treffpunkt kam, war es später Abend. Er hatte die Übersetzung erst vor kurzem beendet und daraufhin die Nummer angerufen, die auf dem Umschlag stand.

Geoffrey stand schweigend vor dem Bibliotheksgebäude und wartete ungeduldig auf James. Dieser nickte kurz, öffnete seine Tasche und holte das Buch, inklusive der Übersetzung, hervor. Der Text hatte ihm einen beachtlichen Betrag eingebracht und er wusste, dass neugierige Fragen eher unangebracht waren.

Sein Teil der Abmachung war somit getan und er verließ den Treffpunkt, ohne dass sie auch nur ein Wort gewechselt hatten.

 

Müde lehnte er sich gegen einen Baum, etwas abseits des Bibliotheksgeländes, und holte die Kopie der Übersetzung hervor, die er für seinen Kunden angefertigt hatte. Da er selbst Interesse an diesem Thema hegte, hatte er sich eine Abschrift für private Zwecke gemacht.

Der eigentlich Ablauf des Rituals gestaltete sich einfach. Die Anrufung hingegen musste auf R’lyehian erfolgen, was es umso schwerer machte, denn die Schrift war geprägt durch eine äußerst ungewöhnliche Anordnung von Konsonanten.

Ein kühler Wind zog auf und Motten flatterten wirr um die Lichter der  Laternen, die den Campus beleuchteten. Aus Richtung der Bibliothek drangen Schreie und Gelächter zu ihm durch. James verstaute seine Unterlagen – als etwas vom Dach stürzte, gefolgt von einem dumpfen Aufprall. Während er sich vorsichtig dem Gebäude näherte, sah er, was dort vom Dach gefallen war. Ein zerschmetterter Körper lag unnatürlich verrenkt auf dem kalten Asphalt. James Mageninhalt überschlug sich, als ein weiterer Körper, hart neben dem Ersten, aufschlug.

Erschrocken taumelte er nach hinten und Blätter beschriebenen Papiers fielen auf ihn herab. Schwindel überkam ihn und sein Körper fühlte sich taub an – auf dem Asphalt, vor seinen Füßen, lag die Übersetzung, die er dem Studenten gegeben hatte.

Erneute Übelkeit überkam ihn und nur widerwillig hob er den Kopf um nach der Stimme zu sehen, die vom Dach des Gebäudes seinen Namen rief – es war Geoffrey …

»James … er kommt …!«, war das letzte, dass Geoffrey sagte, ehe er sich in die Tiefe stürzte.

 

James rannte so schnell er konnte. Er verbrannte alle Abschriften und Notizen, die ihn in irgendeiner Weise mit dem Vorfall in Verbindung bringen konnten, und verlor auch vor den Polizisten kein einziges Wort über Geoffrey oder die anderen.

Nervös stellte James die Kanne wieder zurück an ihren Platz; dann blickte er erneut zu dem Ding, das heute früh auf seiner Türschwelle lag – inmitten des ausgebreiteten Packpapiers befand sich Williams Buch. Doch es war nicht das Buch an sich, das ihm Angst einjagte, sondern die Worte, die er in eben diesem Buch erblickt hatte, „H‘ nog„.

Er kommt …

Kapitel 3 Ende

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